Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke zieht im Morgenmagazin eine vernichtende Bilanz der ersten Regierungsjahre von Bundeskanzler Friedrich Merz und sieht die schwarz-rote Koalition in einer tiefen Schieflage. In einer scharfen Analyse wirft er dem Kanzler vor, ein „Ankündigungskanzler“ zu sein, der gesetzte Erwartungen nicht erfülle und durch strategische Fehler die Regierungsarbeit lähme.

„Er macht immer einen Fehler“, konstatierte von Lucke in der Sendung. Die von Merz versprochene wirtschaftliche und geopolitische Wende, der „Turnaround“, sei ausgeblieben. Statt der avisierten Aufbruchstimmung herrsche im Land eine sehr schlechte Stimmung. Dies sei das genaue Gegenteil der ursprünglichen Ankündigungen. Besonders schwer wiege das Scheitern in der Europapolitik, wo der Kanzler seine Pläne nicht habe durchsetzen können und am Ende sogar auf den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán angewiesen gewesen sei.
Von Lucke stellt den Amtsinhaber in eine denkbar ungünstige Tradition. „Er steht überhaupt nicht in der Tradition von Adenauer, Kohl und Merkel in der Hinsicht“, so der Politikexperte. Ihm fehle die Übung im Umgang mit Macht und der Fähigkeit, Allianzen zu organisieren. Dies zeige sich exemplarisch an der gescheiterten Kandidatur für den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung, ein Misserfolg, der einer Merkel oder einem Kohl nach Einschätzung von Luckes nie passiert wäre.

Die innenpolitische Agenda sieht der Politikwissenschaftler durch das verlorene Jahr 2025 massiv gefährdet. Der „Herbst der Reformen“ sei verstrichen, ohne dass wesentliche Vorhaben umgesetzt worden seien. Nun stehe die Regierung im Wahljahr 2026 vor der Herkulesaufgabe, parallel zu fünf schwierigen Landtagswahlen im Osten eine große, zwangsläufig schmerzhafte Rentenreform sowie die Schließung eines 180-Milliarden-Euro-Lochs im Haushalt anzugehen. „Das wird enorm schwierig“, prognostiziert von Lucke.
Genau diese Konstellation könnte der Alternative für Deutschland (AfD) weiteren Zulauf bescheren. Mit Umfragewerten von bis zu 40 Prozent in ostdeutschen Bundesländern stehe die Partei vor historischen Erfolgen. Von Lucke malt ein düsteres Szenario für den Herbst 2026: Entweder regiere dann erneut eine instabile Minderheitsregierung gegen eine immer stärkere AfD, oder die Debatte über eine Regierungsbeteiligung der Rechtspartei gewinne an Fahrt.

Eine Koalition mit der AfD auf Landesebene würde nach Einschätzung des Experten jedoch unweigerlich zum Bruch der schwarz-roten Koalition in Berlin führen und die Unionsparteien selbst zerreißen. Dennoch stünden der CDU/CSU mit den anstehenden Wahlen äußerst schwierige Situationen bevor. Die Regierung befinde sich bereits im „Panikmodus“.

Die Bilanz des Politikwissenschaftlers fällt entsprechend düster aus. Mit Blick auf das Superwahljahr 2026 und die verpassten Reformen des Jahres 2025 warnt er: „Mit diesem verlorenen Jahr ist vielleicht schon der Schritt in die nächsten erfolgreichen Jahre unmöglich geworden.“ Die schwarz-rote Koalition habe ihre Glaubwürdigkeit verspielt und stehe vor nahezu unlösbaren Aufgaben, während die AfD von der allgemeinen Unzufriedenheit profitiere.
Die Prognose von Luckes lässt für die etablierten Parteien nichts Gutes ahnen. Sollte es der Koalition nicht gelingen, das Ruder herumzureißen und sowohl haushaltspolitische als auch rentenpolitische Wunder zu vollbringen, könnte das Jahr 2026 den ersten AfD-Ministerpräsidenten – oder sogar zwei – hervorbringen. Dies wäre eine politische Zeitenwende, die das Parteiensystem in Deutschland fundamental verändern würde. Die Zeit für die Regierung Merz, ihre Ankündigungen in Taten umzusetzen, wird knapp.